Freitag, 16. Januar 2015

Rückblick: Thanirpalli, die Bestattung

Eine Zusammenfassung der letzten Woche (ich habe nichts geschrieben, weil es im Ashram keinen Internetanschluss gab, und auch, weil unsere Tage mit dem Tanzworkshop und mit anderen Aktivitäten voll waren): Ich habe auf der Veranda unseres Zimmers (eine “Zelle” mit zwei groben Holzbetten, zwei Moskitonetzen, einem abnschliessbaren Blechschrank) im Schatten gesessen und ein wunderbares Buch ausgelesen, das ich noch in Chennai gekauft habe.( Mishra Pankaj: The Romantics) Ich habe ein anderes Buch angefangen: Michael Wood. A South Indian Journey. Wir haben an den Vormittagen und an den Abenden in der runden Yogahalle des Ashrams getanzt, wir haben nach dem Frühstück Gemüse geschnippelt und die Yogahalle sauber gemacht. Wir sind oft noch vor Sonnenaufgang (ungefähr um 6 Uhr) ins Dorf gegangen, um bei einem Tea Stall süssen Milchtee zu trinken und dem Dorf bei seinen Morgenaktivitäten zuzusehen. Frauen, die mit grossen Plastikbehältern Wasser von der Wasserleitung auf der Strasse holten, Männer, die mit dem Fahrrad ankamen, einen Stahlbehälter mit Henkel am Lenker baumelnd, und vom Tea Stall den Morgentee für die Familie abholten. Frauen, die vor dem Eingang des Hauses mit Reismehl ein Kolam, eine Art Mandala auf den Beton oder den Sand zeichneten (das tun sie, indem si edas Reismehl durch die Finger rieseln lassen, eine Technik, die sehr viel Übung erfordert, was wir verstanden haben, als wir selber einmal dazu aufgefordert wurden). Später konnte man Kinder in Schuluniform sehen, auf dem Weg zur Schule, Frauen, die am Fluss Kleider (und sich selbst) wuschen, Büffelkarren, diem it Sand beladen waren. Wir schauten in einer grossen Weberei einem Weber zu, der gerade einen Sari mit einem filigranen Muster webte, in feinstem Garn (”one day”, antwortete er zu unserem Erstaunen, als wir fragten, wie lange es dauert, einen Sari zu weben). Manchmal fuhren wir am Nachmittag mit der Riksha in den grösseren Nachbarort Kulithalai, um einzukaufen (ich kaufte einen Stahlbehälter, wie ich ihn bei den Männern am Morgen gesehen hatte, einige Bettlaken und Batterien für meinen Mückenstick, den ich in diesen Tagen fleissig benützte.).
Bruder und Schwester in Thanirpalli

Kricketspieler in Thanirpalli



Am Tag vor unserer Abreise fand an dem Bestattungsplatz in der Nähe des Ashrams eine Feuerbestattung statt. Wir waren vom Trommeln aufmerksam gemacht worden, von dem wir inzwischen schon wissen, dass es einen Bestattungszug ankündigt. Ein grauer Ambassador mit einer blumengeschmückten Leichenbahre kam am Gittertor des Ashrams vorbei gefahren, und da wir Paneer sahen, einen Inder aus dem Dorf, den wir von den morgendlichen Teestunden flüchtig kannten (er unterrichtet die Jugendlichen im Dorf in einem tamilischen Kampfsport), konnten wir fragen, ob es in Ordnung war, wenn wire in wenig mitgingen und zusahen, zumal an der Bestattung traditionsgemäss nur Männer teilnehmen (die Frauen erledigen die Arbeit zuvor zu Hause). Der Enkelsohn der Toten – eine 81jährige Frau, die in der Nacht an einer Herzattacke gestorben war – fand es in Ordnung, wenn wir mit dabei waren, und wir wurden sogar etwas wie eine Attraktion. Die jüngeren Männer sammelten sich in einer Traube um uns und bombardierten uns mit Fragen, andere zückten ihr Handy, um uns zu fotografieren, und währenddessen wurde der Leichnam der Frau, der in ein Tuch eingewickelt war, auf die bereits sorgfältig aufgeschichteten Holzscheite gelegt und für das Feuer vorbereitet. Es herrschte eine seltsame, eher ausgelassene, Stimmung. Die Männer standen in kleinen Grüppchen herum und unterhielten sich, lachten, riefen durcheinander. Nur die Bestatter waren auf den Leichnam konzentriert, von dem wir das graue, in der Mitte gescheitelte Haar sehen konnten, das unter dem Tuch hervorschaute. Der Bestatter schichtete leere Kokosschalen um den Körper, steckte sie unter den Kopf, dann wurde trockenes Stroh darüber verteilt, auf das man schliesslich aus Tonbehältern nassen Lehm kippte, den man mit den Händen verschmierte. In diese Lehmschicht wurden mit einem Stäbchen Löcher gestochen.

Die Musiker sassen ein wenig entfernt an einen Baum gelehnt und hatten ihre Instrumente bereits eingepackt. Der Bestatter, der am Fussgelenk einen weissen Mullverband hatte, arbeitete konzentriert weiter. Der Enkel, ein junger Mann mit rotgeäderten Augen, der, wie viele der anderen Verwandten, einen dezenten Alkoholduft absonderte, trug ein schwarzweiss kariertes Hüfttuch und um den Hals eine Kette, von der ein grosses Kreuz auf seine nackte Brust baumelte. Das veranlasste uns zu der Frage, ob er Christ sei. Nein, sagte er, erstaunt über unsere Frage. Christen steckten ja schließlich ihre Toten in ”Kisten” (”boxes”).

Als ich die Feuerstelle am nächsten Morgen besuchte, bevor wir Richtung Kodaikanal weiter fuhren, schwelte die Glut noch, aber der Leichnam war restlos verbrannt. 

Der Enkel hatte uns am Tag zuvor eine kurze Lektion über die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens erteilt: ”Am einen Tag sind wir Menschen”, sagte er, ”am nächsten Tag…” – er machte eine Bewegung mit der Hand zur Erde hin und rieb die Finger gegeneinander, als liesse er Sand durch sie rieseln. Den Rest des Satzes ließ er offen.

Am Tag nach der Bestattung


--------------------

(Kodaikanal: Ich habe gerade eine einstündige Keralamassage mit Herbal Steam Bath hinter mir - man wird mit heissem Öl beträufelt und darf nicht gerade prüde sein, weil bei der Massage nur wenige Körperstellen ausgespart werden. - Hinterher ging ich mit ölglitschiger Haut und Haaren in die Hotelzimmerdusche, wo es allerdings nur kaltes Wasser gab. Jemand singt in der nahegelegenen Kirche ein Lied, mit dem man die Umgebung über Lautsprecher beschenkt - eine Gesangsstimme, die man mit viel Wohlwollen als gewöhnungsbedürftig bezeichnen kann. Zeit fürs Abendessen. Bis bald!) 

Mittwoch, 7. Januar 2015

Zum Thillai Nataraja Temple, dem Tempel des tanzenden Shiva

Sitze in der Hotellobby des Akshaya Hotels an einem grossen Marmortisch, durch die geöffneten Türen hört man den Verkehrslärm von der Strasse. Die Hotelangestellten unterhalten sich am Rezeptionsdesk leise.

Die Stadt Chidambaram wird von vielen Indern auch einfach nur "Tempel" genannt, weil die Stadt eigentlich nur ein Beiwerk ist zu dem riesigen Shivatempel und um ihn herum entstanden ist.

(Der Computer benimmt sich indisch, der Bildschirm flackert andauernd und setzt aus, und ich muss daran rütteln und den Winkel verändert, damit die Schrift zitternd zurück kommt. 90 % Luftfeuchtigkeit sind offenichtlich nicht besonders gut für elektronische Geräte. Dieses ständige Flackern macht mich ehrlich gesagt wahnsinnig. Ich will deshalb nur etwas über die diensthabenden Brahminen im Tempel schreiben, die Dikshitar.)

Die Dikshitar erkennt man, auch wenn man in der Stadt unterwegs ist, an ihrer speziellen Aufmachung. Sie tragen weisse Hüfttücher zum nackten, mit der dünnen weißen Brahminenschnur gekennzeichneten, Oberkörper, das Kopfhaar ist zur Hälfte abrasiert und der Rest des Haares wird in einem Knoten an der Seite des Kopfes getragen. Im Tempel besorgen sie die Riten, aber auch die etwas profaneren Tätigkeiten, wie etwa den Verkauf von Frittiertem und von süssen Bällchen und das Eintreiben von Tempelspenden, vor allem von weißen Nicht-Indern. Sie heiraten nur untereinander.

(Zwischenbemerkung: Mücken haben gerade damit angefangen, meine Füsse anzuknabbern - nur gut, dass ich einen speziellen elektronischen Mückenstick habe, mit dem ich die Stiche später behandeln kann, so dass sie nicht jucken.)

Diese weissgekleiteden Brahminen wuseln also im Tempel herum. Es gibt sie in allen Altern (vom etwa zwölfjährigen Jungen zum über siebzigjährigen Greis am Stock). Wenn es Zeit ist für das grosse Ritual (dreimal am Tag), an dem nicht nur der Gott Shiva mit allen möglichen Ehren bedacht wird, sondern auch sein Reittier, Nandri, die Kuh, dann schwänzeln diese Brahminen in grosser Zahl in dem innersten Heiligtum des Tempels herum, einem Schrein mit Türen aus Silber, die bei der Gelegenheit aufgefaltet werden. Die ständig durch die Türen in einer nicht erkennbaren Ordnung ein- und ausmarschierenden Brahminen haben mich deshalb gestern abend unvermittelt an ein Puppentheater denken lassen, vielleicht auch, weil viele der in die Jahre gekommenen Brahminen beachtlich gewölbte Bäuche und einen etwas watscheligen Gang haben und zudem ein geflochtenes Plastiktäschchen am Unterarm mit sich herumtragen.

Nandri wird entkleidet (er trägt einen Schal), wird dann mit Wasser und Milch und wieder mit Wasser übergossen. Dann legt man ihm wieder den Schal um und schmückt ihn mit Blumen. Das geschieht ohne viel Brimborium, eher wie eine alltägliche Notwendigkeit. Währenddessen finden im innersten Raum des heiligen Schreins Rituale statt, die wir von unserem Zuschauerplatz aus nicht sehen können. Ständig laufen Brahminen hierhin und dorthin, dann wieder plaudern sie, schöpfen etwas Wasser aus einem grossen Metallbehälter, giessen es in einen anderen Behälter, sie laufen mit Feuer herum, sie verteilen ein wenig Essen in die Handflächen der sich herandrängenden Pilger, dann wieder schüttelt einer eine grosse Glocke usw. Eigentlich weiss man nicht genau, wann das Ritual eigentlich anfängt und wann es aufhört oder ob es tatsächlich schon im Gange ist oder ob alles nur eine Vorbereitung darstellt, aber irgendwann einmal ist dann wirklich Schluss und die Türen werden geschlossen und man trollt sich davon.

Ich habe gerade ein wenig in der Hotellobby herumgeschaut und an einer der grossen Glasscheiben einen kleinen Gecko entdeckt. Er klebt da einfach, unbewegt, wahrscheinlich hat er vor die Nacht da zu verbringen. Und ich gehe jetzt auch nach oben ins Hotelzimmer. Erstens sind die Mücken jetzt etwas zu aufdringlich. Zweitens muss ich noch packen, da wir morgen früh weiterfahren.

Sadhu in Chidambaram

Teestand in Chidambaram

Pondicherry, der Ashram. Chidambaram, der Tempel.

Sitze auf dem Hotelbett im Hotel Akshaya in Chidambaram – die zwei Ventilatoren an der Decke laufen auf vollen Touren. Vor dem Fenster der Verkehrslärm der Tempelstadt Chidambaram.

Auf den Strassen sitzen die rot- oder schwarzgekleideten Pilgergruppen, die in schlecht gefederten Bussen ihre Tempeltour durch Südindien absolvieren. Sie ruhen sich in der relativen Kühle des Abends aus, plaudern, essen Reisfladen oder Chapati mit Sambal aus ihren mitgebrachten Edelstahltiffins, bevor sie wieder in ihren Bus steigen und in die Nacht fahren.

Wir haben uns vom Bus aus manchmal gewundert, warum die Leute in Indien selten die Bürgersteige benutzen und sich lieber auf der Strasse den Verkehr um die Ohren brausen lassen. Aber heute abend, auf dem Weg zu einem Geldautomaten, wählten auch wir die Strasse. Auf dem Gehsteig muss man nicht nur häufig Menschen, sondern auch Müllhaufen, Hindernissen in Form von abgestellten Mopeds, Teeständen oder grossen klaffenden Löchern ausweichen. Dagegen geht es auf der Strasse recht unbehindert voran (und die Auto-, Riska- und Mopedfahrer weisen einen rücksichtsvollerweise immer durch Hupen darauf aufmerksam, dass sie in Anfahrt sind).

Ich begann den Tag noch vor dem Frühstück mit einem Besuch im Sri Aurobindo Ashram in Pondicherry (das jetzt im Rückblick wie eine lauschige, entspannte Stadt erscheint), ging barfuss in den stillen Innenhof, in dem schon viele Besucher – die meisten Inder – dem Grab (der marmornen Gruft) des Gurus Sri Aurobindo einen Besuch abstatteten. Viele berührten die mit Blüten bedeckte Grabplatte mit ihren Händen oder ihrer Stirn, andere sassen in einem der Laubengänge, die den Innenhof einsäumen, auf dem Boden und meditierten oder sassen nur still da. Ich kaufte in der Buchhandlung des Ashrams drei schmale Bücher. In diesen Kaufvorgang waren drei Personen verwickelt (ausser mir). Eine Frau tippte die Büchernummern in den Computer, sagte mir den Preis und nahm das Geld entgegen, ein Mann stempelte die gedruckte Quittung , und eine Frau legte die Bücher in eine Papiertüte und reichte sie mir (und das alles um 8 Uhr morgens). Dann ging ich zum Frühstücken ins Hotel, wurde wie gestern gefragt, ob ich zu den Cornflakes kalte oder warme Milch haben will (kalte!), ob ich den Kaffee schwarz oder mit Milch trinke (schwarz!), in welcher Form ich mein Ei essen will (gebraten, und zwar von beiden Seiten!). Die Hotelbesitzerin bat uns beim Abschied, dass wir ihr Hotel bei ”Trip Advisor” positiv bewerten sollten (was wir versprachen!) und machte dann mit ihrem IPad ein Gruppenbild von uns neben dem kleinen Krishnabrunnen in der Lobby, in dem wie immer frische Blütenblätter und eine Seerose aus Plastik schwammen.

Auf der Busfahrt von Pondicherry nach Chidambaram (im Non-A/C-Bus) wurde ich von Kopfschmerzen geplagt, stellte aber trotzdem Überlegungen über das an, was ich am Strassenrand sehen konnte. Vor allem unterzog ich die Hüfttücher der Männer einer genaueren Betrachtung. Die meisten Männer in Südindien tragen noch Hüfttücher aus Baumwolle (Lungi), die sie einfach nur um ihre Hüften schlingen. Meistens schlagen sie diese Tücher dann um und stopfen sie in den Bund, so dass eine Art gerüschter Minirock entsteht.

Das Design der Stoffe ist hier recht einheitlich, meistens kariert in irgendeiner Kombination der Farben grün-braun-blau-weiss. Es gibt jedoch auch einfarbige Lungis, und an der Farbe der Lungis (rot, grün, schwarz) kann man bei Pilgergruppen sehen, welchen Gott sie verehren oder zu welchem Tempel sie gerade auf dem Weg sind. Ich sah heute aber auch lila-karierte Tücher und ein neues Design mit gewagten Pyramidenformen. Bei feierlichen Anlässen sind die Lungis oft besonders feierlich (weiß mit Goldkante), Sadhus erkenntn man an der orangen und Brahmanen an der weißen Farbe ihrer Lunigs. Dass die Männer im Alltag zu ihrem Lungi gern Hemden tragen (gern kariert), siehe hier, bringt ein seltsames Gemisch an westlichem und indischem Stil mit sich. Männer, die zudem ein Handtuch um den Kopf geschlungen haben, sind häufig Arbeiter. 

Unser Tempelbesuch:
Heutzutage sind natürlich auch die indischen Pilger mit Smartphones unterwegs. Im Tempelbereich gab es eine regelrechte Knipsparty, bei der die Mitglieder einer rotgekleideten Pilgerinnengruppe unsere weisshäutige (buntgekleidete) Gruppe knipste und zurückgeknipst wurde, unter viel Gelächter und Hallo, und schliesslich mischten sich die Gruppen auf der Treppe zum Wassertank des Tempels, rot gekleidete Inderin sass neben bunt gekleideter Weisser, ständig war ein Smartphone in der Luft, bis man sich mit Händedruck verabschiedete und weiter ging.

Mann mit Kokosseil im Tempel von Chidambaram

Ich kaufte an einem der Tempelstände Farbpigmente in kleinen Plastiktüten, nachdem ich meine Schuhe an einem der Schuhaufbewahrungsständen wieder abgeholt hatte, wo man sie abliefert, wenn man den Tempel betritt. Es gab einen Dosa (ein typisches Essen in Südindien: knuspriger Pfannkuchen aus Reismehl, oft gefüllt mit einer vegetarischen Kartoffelmischung und serviert mit Kokoschutney und Sambal) im Hotelrestaurant und schliesslich den Ausflug zum ATM in der Nähe des Hotels, mit vielen Hallos und “Come from?” und lachenden Gesichtern.

Montag, 5. Januar 2015

Die Geräusche, die Gerüche

(P kam gerade ins Hotelzimmer und brachte in roten Tupperware-Bechern heissen mit Kardamon und Ingwer gewürzten Milchtee vom Teestand. Der Ventilator dreht sich an der Decke mit einem rhythmischen Flap-Flap und P hat in ihrem Zimmer - wir haben nämlich eine Suite mit zwei Zimmern! - sogar die Klimaanlage eingeschaltet.) 

Heute haben wir die Weberei und die Papiermanufaktur des Sri Aurobindo Ashrams besucht, beides in der Nähe des Hotels, so dass wir in der Vormittagssonne zu Fuss dorthin gingen, vorbei an den üblichen Müllhaufen, streunenden Hunden, einer Mopedwerkstatt (die aus einem winzigen blauen Schuppen bestand, in der ein Haufen Schrott lag), vorbei an Bananenverkäufern und Ständen mit grünen Kokosnüssen, die man mit einem Strohhalm leertrinkt, nachdem der Verkäufer sie mit einer gebogenen Machete geöffnet hat.

Pondicherry ist sehr erholsam, mit schattigen und ruhigen Strassen, die französische Namen haben, mit einer Strandpromenade und frischer Meeresluft, mit mehreren Cafés, in denen richtiger Kaffee serviert wird (spanischer, amerikanischer, französischer und italienischer) und in denen man Brownies mit Gabel von einem Teller oder Veggieburger mit Pommes Frites essen kann. Ich entschied mich allerdings gestern abend dafür, an einem der Marktstände am Meer ein Curry zu essen, das seltsamerweise im Pappteller auf einem süssen Brötchen (!) serviert wurde. Danach nahm ich einen frischen Fruchtsalat zu mir, bestehend aus Papaya, Wassermelone und Ananas in einem Plastikbecher. Beides zusammen kostete gerade mal 50 Cent. 

Heute gingen wir nach einer kurzen Shopping-Tour (Kleider) in einem indischen Restaurant essen. Durch die getönten Fenster schauten wir auf den Hinterhof, wo gerade eine Bananenstaude in Blüte stand. Wir bestellten südindisches Thali, das auf einem runden, mit Bananenblatt ausgekleideten, Stahlteller serviert wurde (in den einfacheren Lokalen wird das Essen direkt vom Bananenblatt serviert). "Thali" bedeutet eigentlich auch "Teller" (das heißt, dass unser Wort "Teller" vom indischen Thali-Gericht herkommt). Es besteht aus verschiedenen Currys und Süppchen (sie befinden sich in kleinen Stahlschälchen), die man in einer bestimmten Reihenfolge mit dem Reis mischt, den einem ein Keller mit einem breiten Metall-Löffel aufs Bananenblatt gelöffelt hat. Auch zwei Klicks von verschiedenen ("very tasty") Chutneys wurden uns heute daneben gelöffelt. Traditionell isst man natürlich mit der Hand, und das tun wir auch, aber ich hoffe immer, dass kein Inder genau hinschaut, weil wir wahrscheinlich die Technik von dreijährigen Kindern haben, die mit den Händen in ihrem Essen herumpantschen. Da in Indien das Essen mit der linken Hand (aus "hygienischen" Gründen) immer noch verpönt ist, greife ich aber auch gern mal zum Löffel, den die Kellner uns Nicht-Indern diskret an den Tisch bringen.

Wir wollten heute einen ruhigen Tag  haben und fuhren nach dem Mittagessen mit der Rikscha in den Botanischen Garten. Ein Schild informierte uns darüber, dass hier ein Teil des Films "Life of Pi" gedreht wurde (der "Zoo" im Film). Die Bilder im Film waren Bilder eines idealen Indien, aber wir liefen im wirklichen Indien herum, und hier gab es keine Flamingos und andere farbenprächtige Vögel, sondern stattdessen ein paar magere Hunde, die hofften, dass die Besucher des Parks (erstaunlich viele junger Männer, die in Paaren auf den Steinbänken sassen oder im Schatten unter einem der hohen Bäume lagen) etwas Essbares für sie übrig hätten. Wir legten uns in den Schatten, lasen und schliefen ein wenig und wurden schliesslich etwas unanganehm von den Bissen der riesigen Ameisen geweckt, die sich in unsere Kleidung verirrt hatten. 

Dann nahmen wir eine Riksha zum Hotel. Das gehört zu den angenehmsten Dingen in Indien. Man braucht sich nur irgendwo an den Strassenrand zu stellen, und schon kommt - schwupps! - eine Rikscha herbeigeknattert und nimmt einen mit.

Alles ist momentan sehr entspannt - was für euch, die ihr das lest, natürlich ein wenig langweilig ist... Hoffentlich bleibt ihr trotzdem dran. 

Bis bald!


Müde in Puducherry

Sitze gerade in unserem fensterlosen Hotelzimmer in Puducherry (Pondicherry), habe nach eine Kanne Kaffee bestellt und den Computer ausgepackt.

(Die Roma-Familien in Mamalappuram, die versuchen, billige Halsketten und selbstgenähte kleine Stoffbeutel an Touristen zu verkaufen. Wir gaben einer Familie, die vor unserem Hotel am Strassenrand wohnte, eine gelbe Plastikdose in Form einer Banane, für die wir keine Verwendung mehr hatten. Der Junge schlängelte sich sofort nach vorne und versuchte, sie mir aus der Hand zu reissen. Der Vater drängte ihn zur Seite, nahm die Bananendose entgegen und gab sie seiner kleineren Tochter.)

Freitag, 2. Januar 2015

Die ersten Tage

Hotelzimmer in Chennai


Seit ich das letzte Mal in Indien war, hat sich etwas Wesentliches geändert: alle Hotels bieten jetzt WiFi an. Deshalb befinde ich mich nicht in einem stickigen Internetspot mit lärmenden Ventilatoren wie auf den anderen Reisen und tippe auf einer schwer gängigen indischen Tastatur, sondern ich sitze auf der Dachterrasse unseres Hotels Ramakrishna in Mamallapuram in der angenehm erfrischenden Brise des späten Nachmittags (es ist 17 Uhr) und tippe auf einem Laptop, der von Schweden hierher gereist ist. Vom Tempel am Strand, wo gerade ein grosses Tanzfestival stattfindet, ist Musik zu hören, die sich mit Vogelgesang und Verkehrslärm vermischt.

Die ersten Tage haben wir in Chennai verbracht, und dort bin ich normalerweise viel zu überwältigt von den ersten Eindrücken, um überhaupt etwas schreiben zu können.

Diese Milchbar hat mir gefallen


Versuch mich zu erinnern: 

Immer wieder Regenschauer. Eine Rikschafahrt im strömenden Regen, mit einem Rikschafahrer, der den Weg nicht wusste und immer wieder aussteigen und nachfragen musste. Ausserdem ging auch der Motor der Rikscha mindestens fünfzehn Mal aus, und der Rikshafahrer brauchte regelmässig mehrere Versuche, um ihn wieder zum Anspringen zu bringen (und jedesmal dachte ich: na, jetzt klappt es aber nicht). Die Strassen hatten sich in Bäche verwandelt, und wer schon einmal in Indien gewesen ist, weiss, dass hier auch der Verkehr ist wie ein Strom. Rote Ampeln sind nur sekundär oder tertiär wichtig, ständig schlängeln sich Motorräder durch die fahrenden und drängelnden Autos, hin und wieder taucht auch ein Fahrradfahrer auf, bei Regen natürlich mit Regenschirm.   

Im Kapaleeshwarar Tempel kam ein freundlicher alter Mann auf uns zu und drückte uns mit dem Daumen einen weissen Punkt auf die Stirn und verwischte ein wenig weisses Pulver auf unserem Hals und in unseren Handflächen. Dann führte er uns im Tempel herum, immer wieder "WAS!" ("Kommt!") rufend, legte Blumenketten um unsere Handgelenke und zeigte uns den Tempel-Kuhstall, in dem wir gegen eine kleine "freiwillige" Gebühr eine der Kühe berühren durften. Er versuchte sogar, uns auf einem Geheimweg in das Tempelinnere hineinzuschleusen, das eigentlich für Nicht-Hindus nicht zugänglich ist, aber da bedankten wir uns freundlich und duckten uns unter den Bambusstangen weg, die in den Tempeln die Besucherströme organisieren helfen. Am Ende wollten wir ihm als Dank für seine "Tempelführung" zwanzig Rupies in die Hand drücken, aber da zeigte er sich sehr entrüstet und beleidigt. Hundert Rupies oder gar nichts, Ende der Diskussion! Als er schliesslich die gewünschten hundert Rupies bekam, klatschte er erfreut in die Hände und gab uns seinen Segen. 

Ich traf in Chennai "meinen" Rikshafahrer wieder, der immer vor dem YWCA steht und auf Kunden wartet. Bei unserer letzten Begegnung vor vier Jahren hatte er eine neue Riksha und eine goldene Uhr und war glänzender Laune. Dieses Mal sah er aus, als würde er auf der Strasse schlafen, er trug schmutzige Kleider und hatte dunkle Ringen unter den Augen. Als ich ihn fragte, wie es ihm geht, fing er an zu weinen und sagte, die Riksha sei nur gemietet, er habe im letzten Jahr eine Operation gehabt und sei ausserdem zuckerkrank. Wir beschlossen, ihm etwas Geld zu geben (auch als Entschädigung dafür, dass wir dieses Mal wegen des Wetters öfter ein Taxi nahmen als eine Riksha), und als ich ein paar Stunden später durch den Park vor dem Hotel ging, rief er nach mir. "Madam!" "You friend", sagte er, und schenkte mir seinen schwarzweiss gestreiften Schal. 

Wir sind jetzt in Mamallapuram, dem Steinmetzdorf, in dem wir immer halt machen, weil hier jedes Jahr im Januar ein Tanzfestival stattfindet, ein kleiner Ort am Meer, in dem sich nicht nur einige der grossen Sehenswürdigkeiten des Südens befinden, eine Art riesiger Skulpturenpark aus dem 7. Jahrhundert und ein aus einem Stein gehauener Tempel, sondern das sich in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts auch zu einer Art Mekka des Hippietourismus entwickelt hat. Man begegnet hier heute europäischen oder amerikanischen Touristen mit Shorts und Tanktops und wird ständig von Geschäftsinhabern aus Kashmir freundlich gegrüsst und darauf hingewiesen, dass es sehr gut für einen wäre, gerade heute in ihrem Geschäft etwas zu kaufen. Im "Buddhacafé" wurde ich heute von einem fürchterlich schlecht gelaunten Inder mit einem dreckigen Hemd und gefärbten Haaren bedient, der mir einen "Organic Ginger Lemon Soda" im trüben Plastikglas vor die Nase knallte und mir dann einen teigigen "Banana Honey Pancake" servierte, all das zum Dreifachen des Preises, den man in einem einfachen indischen Restaurant für ein ganzes Mittagessen bezahlt (selber schuld, wenn man unbedingt ins "Buddhacafé" gehen will!).

Ein Kolam in Mamallapuram

Jetzt geht die Sonne unter, vom Tanzplatz hört man frenetische Musik, Trommeln und das für Tamil Nadu typische Blasinstrument Nadaswaram. Neben mir hängen an einer Wäscheleine die Unterhosen, die ich heute gewaschen habe und etwas optimistisch in 90% Luftfeuchtigkeit zu trocknen versuche. Ich werde mir gleich einen Eimer Wasser über den Kopf schütten und dann beim Schneider eine Hose abholen, und mir später noch ein wenig indischen Tanz anschauen.

(Es ist hier achtzehn Uhr, also viereinhalb Stunden später als in Deutschland, und jetzt wird es dunkel. Geschätzte Temperatur ca. 25 Grad)